Oberösterreich steht vor einer Verkehrswende. Landesrat Mag. Günther Steinkellner treibt mit neuen Bahnen, autonomen Bussen und strategischer Infrastrukturplanung die Neugestaltung der Mobilität voran. Im Interview erklärt er, wie er den öffentlichen Verkehr revolutionieren und den Wirtschaftsstandort für die Zukunft rüsten will.
Herr Landesrat Steinkellner, in anderen Bundesländern werden Nebenbahnen ein gestellt, in Oberösterreich erleben sie eine Renaissance. Wie sichern Sie die Finanzierung und Zukunft von Strecken wie der Mühlkreis- oder Almtalbahn?
GÜNTHER STEINKELLNER: Wir haben eine klare Vision für die Schiene als Hauptlastenträger der zukünftigen Mobilität. Deshalb haben wir die Finanzierung der Nebenbahnen durch Verträge mit dem Bund bis 2033 abgesichert. Aber wir sichern sie nicht nur ab, wir investieren massiv: Die Almtal bahn wird elektrifiziert und wichtige Brücken werden saniert. Die Mühlkreisbahn übernehmen wir als Land, um sie zur modernen Achse für unsere neue Regio Stadtbahn auszubauen. Wir machen unsere Bahnen umweltfreundlicher, schneller und attraktiver, von der Mattigtalbahn bis zur Donauuferbahn. Denn nur eine starke Schiene kann den Verkehr der Zukunft bewältigen.
Ein zentrales Projekt ist die neue Regio Stadtbahn. Was ist das Besondere an diesen Zügen und wann können die Oberösterreicher*innen damit fahren?
Das Besondere ist, dass sie beides kann: In der Stadt fährt sie wie eine flexible Straßenbahn, über Land mit bis zu 100 km/h wie ein vollwertiger Zug. Diese „Tram-Train“-Technologie ist die Zukunft. Wir haben bei einer europaweiten Bestellung einen Kostenvor teil von rund 20 Prozent erzielt und der erste Zug steht bereits in Eferding. Er bietet höchsten Komfort, Barrierefreiheit, Platz für Fahrräder, eine Toilette und ist extrem leistungsstark. Wenn wir drei Fahrzeuge koppeln, können wir über 700 Menschen transportieren. Stellen Sie sich das in der Hauptverkehrszeit vor! Erste Fahrgäste könnten vielleicht noch heuer zwischen Linz und Eferding einsteigen.
„Die Ostumfahrung ist die beste Lösung, um die Stadtautobahn A7 vehement zu entlasten, die Voestalpine direkt anzubinden und den Verkehr intelligent zu lenken.“
Sie sprechen auch vom autonomen Fahren als Quantensprung, gerade für den ländlichen Raum. Was kann man sich darunter vorstellen?
Das autonome Fahren wird die „letzte Meile“ revolutionieren. Es löst das Problem, wie Menschen aus den Siedlungsgebieten zur Hauptachse der Bahn kommen. Ein autonomes Fahrzeug holt sie zu Hause ab und bringt sie sicher zum Bahnhof. Das ist ein Segen, gerade für ältere Menschen, die so ihre Mobilität und Unabhängigkeit bewahren. Zudem können wir damit einen 24-Stunden-Be trieb im öffentlichen Verkehr gewährleisten, da wir nicht mehr vom Fahrermangel gebremst werden. Nächstes Jahr starten wir bereits ein erstes Probelaufprojekt zwischen Pregarten und Hagenberg.
Ein vieldiskutiertes Großprojekt ist die Ostumfahrung in Linz. Warum ist dieser Bau aus Ihrer Sicht so dringend notwendig?
Weil Linz sonst im Verkehr erstickt. Es ist nicht 5 vor zwölf, sondern es ist ein Herzschlag vor zwölf. Wenn Tschechien 2027 seine Autobahn fertigstellt, wird die Strecke über Linz für den Ver kehr aus Berlin und Prag um 120 Kilometer kürzer. Das bedeutet einen massiven Anstieg des Lkw-Verkehrs, den das jetzige Netz am Bindermichl-Tunnel nicht bewältigen kann. Die Ostumfahrung ist die beste Lösung, um die Stadtautobahn A7 vehement zu entlasten, die Voestalpine direkt anzubinden und den Verkehr intelligent zu lenken. Kritiker sorgen sich um den Boden verbrauch, aber wir müssen die Fakten sehen: Ohne Mobilität leidet die Wirtschaft und damit unser aller Wohl stand. Wir werden die Industrie nicht mit Fahrrädern bedienen können.
Pendler*innen fühlen sich oft im Baustellendschungel gefangen. Wie koordinieren Sie komplexe Projekte, um die Belastung für den Verkehr so gering wie möglich zu halten?
Das ist eine extrem schwierige Aufgabe. Wir müssen die Interessen von Gemeinden, dem Land und der ÖBB abstimmen, die ihrerseits wieder von Baustellen in Deutschland abhängig ist. Dazu kommen unvorhersehbare Projekte von Unternehmen, die auch den Verkehr beeinflussen können. Wir versuchen, alles bestens zu koordinieren. Ein Beispiel: Bei der belastenden B3-Baustelle im Mühlviertel müssen wir berücksichtigen, dass die ÖBB im Sommer die Donauuferbahn sperrt. Ein Aufschrei wäre die Folge, wenn Straße und Schiene gleichzeitig ausfallen. Es ist also ein hochkomplexes Puzzle, das wir täglich legen.
Neben der Infrastruktur legen Sie einen starken Fokus auf Verkehrssicherheit. Welche Maßnahmen setzen Sie, um die Unfallzahlen zu senken?
Der gefährlichste Faktor ist die Ablenkung, vor allem durch das Handy am Steuer. Statistisch ist das Unfallrisiko schon bei der Nutzung einer Freisprecheinrichtung dreimal so hoch. Mit dem Handy in der Hand ist es siebenmal so hoch. Hier setzen wir auf Bewusstseinsbildung. Gleichzeitig werden die Sicherheitssysteme in den Autos immer besser und verhindern viele Unfälle. Mein Appell ist aber ganz klar die gegenseitige Rücksichtnahme. Wenn jeder Verkehrsteilnehmer für den anderen mitdenkt – der Lkw-Fahrer für den Pkw, der Autofahrer für den Radfahrer –, wird der Verkehrs raum für uns alle um ein Vielfaches sicherer.
Das Interview ist am 8. Mai 2026 im Oberösterreich Magazin erschienen.